Archiv für September 2008
Schokolade zum Zmittag
30. September 2008Bluetime
30. September 2008Die Berührerin
23. September 2008Basel. In einem Café am schönen Marktplatz wurde ich gestern zum voyeuristischen Mithörer eines eindrücklichen Gespräches zwischen zwei jungen hübschen Frauen, die sich wohl länger nicht mehr gesehen haben. Sie erzählten sich u.a. wie sie sich zwischenzeitlich beruflich weiterentwickelt hatten.
Eine der beiden Frauen erklärte, dass sie seit zwei Jahren therapeutisch mit behinderten Menschen arbeite, was mich als diesbezüglich sozialgesinnter Zeitgenosse natürlich positiv beeindruckt hat und meine Aufmerksamkeit sensibilisierte. Sie erzählte im Weiteren, dass sie als „Berührerin“ arbeite. Was das wohl ist?
Umarmen, Küssen, sexuelle Befriedigung bis zum Geschlechtsverkehr
Zu ihren Aufgaben gehört nach allem was ich mitbekommen habe das zärtliche Berühren und Streicheln von Menschen mit Behinderungen. Menschen, die nicht oder nur schlecht in der Lage sind, ein annähernd erfülltes Sexualleben zu führen. «Das geht vom Umarmen über Küssen, bis zur sexuellen Befriedigung», sagte sie. Die Wünsche der Klienten seien «sehr unterschiedlich». Sie dürfe sich jetzt auch Sexualassistentin nennen, da sei vieles möglich.
Die Gesprächsfetzen haben mich den ganzen Tag und am Folgetag noch begleitet. Sexualität kann für jeden Menschen schön sein. Jeder Mensch hat ein Recht auf Sexualität. Die Körper aller Menschen sind so geschaffen, dass sexuelles Verhalten mit angenehmen Gefühlen belohnt werden kann. Dies trifft natürlich auch auf Menschen mit einer Behinderung zu. Mich hat die Tatsache völlig überrascht, dass mir der praktische Aspekt dieses Themas bisher nicht bewusst war.
Sexualität und Partnerschaft gehören m.E. eng zusammen. Wie bei Nichtbehinderten leben viele Behinderte Menschen aber nicht in einer Partnerschaft. Sie leben alleine. Aus Überzeugung oder zwischen zwei festen Beziehungen oder weil sie den richtigen Menschen noch nicht gefunden haben oder auch – weil sie auf Pflege angewiesen sind – in entsprechenden Heimen und Institutionen. Auch sie wollen Sexualität erleben und können Wege dazu finden. Ein Weg ist z.B. Masturbation.
Ob mit oder ohne Behinderung: Manche Menschen wollen sich nicht (mehr) sexuell verhalten und leben dennoch glücklich. Andere wollen Sex und Zärtlichkeit gerne ausleben und haben zu wenig Möglichkeiten. Bei behinderten Menschen trifft dies wohl in vermehrtem Masse zu.
Wer anderen Menschen helfen will, ein sexuell erfülltes Leben zu führen, muss wohl genau wahrnehmen können, was individuell als Erfüllung verstanden wird. Vielleicht ist das ja die Schlüsselqualifikation der Professionellen (Berührerinnen)?
Die Nachfrage nach Berührung ist da
Die Nachfrage nach Hilfestellungen für ein erfülltes sexuelles Leben scheint da zu sein. Ob innerhalb oder ausserhalb einer Partnerschaft spielt wohl keine Rolle. Sonst gäbe es nicht das Angebot der netten Berührerin aus Basel. Ob es um behinderte Menschen geht oder nicht.
Es stellen sich einem aber beim Reflektieren zwangsläufig ganz grundlegende Fragen:
- Welche Behinderungsgruppen dürfen überhaupt ein Sexualleben haben? Auch geistig Behinderte?
- Müssen sich Behinderte dazu qualifizieren?
- Wo dürfen professionelle Berührungen stattfinden? Auch in Heimen?
- Gibt es spezielle Berührungsstätten? Oder Berührungszentren?
- Ab und bis zu welchem Alter darf man sich professionell berühren lassen?
- Wie oft müssen Behinderte Masturbieren, bis sie in den Genuss einer Berührerin auf K-Schein kommen? Und wie müssen sie das Nachweisen?.
- Was qualifiziert eine Berührerin? Wie sieht die Ausbildung aus?
- Was qualifiziert die Experten des Qualifikationsverfahrens einer Berührerin?
- Wer darf beim Qualifikationsverfahren zuschauen?
- Wie oft dürfen sich Behinderte berühren lassen?
- Wer zahlt die professionellen Berührungen (Staat, IV, Krankenkasse) und nach welchem Tarif wird abgerechnet?
- Profitieren auch Nichtbehinderte von diesem Angebot? Auch auf Krankenkasse?
- Gibt es männliche Berührer? Telefon Nr.?







